Was ist Soziologie?

Soziologie ist die Wissenschaft, die das Zusammenleben der Menschen beschreibt, analysiert und erklärt. Die sozialen Verknüpfungen zwischen den Menschen sind das, was die Soziologie als eine Gesellschaft bezeichnet. Die Frage nach den gesellschaftlichen Verhältnissen ist seit dem 19. Jahrhundert, insbesondere aufgrund der französischen und der industriellen Revolutionen, zunehmend in das Bewusstsein der Menschen gedrungen. Denn mit der französischen Revolution wurde den einzelnen Akteuren klar, dass die Gesellschaft keine von Königen und Kaisern verwaltete göttliche Schöpfung, sondern ein Produkt der Handlungen von Menschen ist. Im Zuge der industriellen Revolution realisierten viele Menschen, dass sie ihre ehemaligen Gewohnheiten verändern müssen, um ihre Existenz sichern und die Gesellschaft gestalten zu können. Aus beiden Revolutionen sind politische Parteien, Gewerkschaften, soziale Bewegungen und viele weitere Gruppen hervorgegangen, die alle darauf abzielen, der neuen sozialen Ordnung eine bestimmte Gestalt zu geben. Für viele ist das sichere und friedliche Zusammenleben der Menschen ein zentrales Ziel – auch wenn es oft unterschiedliche Ansichten darüber gibt, wie es erreicht werden kann.

Soziologen und Soziologinnen nehmen in dieser Debatte einen wichtigen Platz ein, da sie davon ausgehen, dass solche Frage wissenschaftlich bearbeitet werden können. Sie fragen nicht nur, ob eine dauerhaft friedliche Gesellschaft überhaupt möglich ist, sondern auch, was es eigentlich bedeutet, wenn man von der „Gesellschaft“ spricht. Was sind die Hauptmerkmale des sozialen Zusammenlebens? Wie ist oder sind die moderne(n) Gesellschaft(en) entstanden? Was sind ihre Folgen für die Menschen, die sich heutzutage als „Individuen“ begreifen? Wie werden die Menschen in ihren Handlungen, in ihren Interessen und moralischen Überzeugungen von der sich stetig wandelnden Gesellschaft beeinflusst? Wie kann man diese Überlegungen mit Hilfe von empirischen Methoden überprüfen und wissenschaftlich nachvollziehbar fundieren?

Am Ende des 19. Jahrhunderts bilden diese Fragen den anfangs noch unsicheren Grund, aus dem schließlich drei Haupttraditionen der Soziologie hervorgegangen sind: die französische, die deutsche und die angloamerikanische Tradition.

In Frankreich wird der Begriff „Sociologie“ von August Comte Mitte des 19. Jahrhundert geprägt und anschließend als universitäres Fach von Emile Durkheim institutionalisiert. Für die französische Tradition des Faches ist Gesellschaft eine soziale Tatsache, die mit Hilfe der empirischer Methoden analysiert und erklärt werden kann. Gesellschaft als soziale Tatsache ist nicht etwas, das ‚um‘ uns ist oder etwas, das wir ‚haben‘. Gesellschaft ist vielmehr das, was wir sind – Gesellschaft existiert in und durch uns. Sie bestimmt unser Leben, unser Denken, unser Fühlen, unser Verhalten. Als gesellschaftliche Wesen entwickeln sich die Menschen nicht zufällig, sondern nach bestimmten sozialen Regeln und Normen.

In Deutschland entsteht die Soziologie im Kontext des philosophischen Idealismus, insbesondere des Neukantianismus und des Neuhegelianismus. Mit Georg Simmel, Ferdinand Tönnies und Max Weber etabliert sich die deutsche Soziologie als eigenständige Disziplin an den Universitäten. Für diese Soziologen ist die moderne Gesellschaft das Ergebnis einer praktischen Versachlichung des Lebens und der Veralltäglichung von Vernunft. In der modernen Gesellschaft wird demzufolge das Leben der Menschen von formellen Regeln bestimmt. Doch bleibt es zugleich immer eine verletzliche Gesellschaft.

In Großbritannien und in den Vereinigten Staaten geht die Soziologie mit einem starken Engagement für die sozialen und politischen Fragen der Zeit einher. Typische Beispiele hierfür sind James Horton Cooley und William Thomas in den Vereinigten Staaten sowie das Ehepaar Sidney und Beatrice Webb in Großbritannien. Diese Soziologinnen und Soziologen interessieren sich für Interaktionen zwischen Akteuren und sie möchten wissen, wie die Gesellschaft verbessert werden kann. Da die Gesellschaft jedem Einzelnen Anpassung abverlangt, soll jedem die Chance gegeben werden, diese Anpassung erfolgreich durchzuführen. Diese Soziologie möchte zeigen, wie diese Chance mit konkreten Maßnahmen unterstützt werden kann.

Im Laufe des 20. Jahrhunderts spezialisierte sich die Soziologie auf Grundlage dieser Traditionen. Unterschiedliche Theorien versuchten, eine Synthese aus den wichtigsten soziologischen Denkansätzen zu entwickeln, wie zum Beispiel Talcott Parsons in den Vereinigten Staaten, Niklas Luhmann in Deutschland und Pierre Bourdieu in Frankreich. Die Methoden der empirischen Sozialforschung wurden und werden in ihrer quantitativen und qualitativen Ausrichtung immer weiter entwickelt und verfeinert. Entsprechend breit sind heutzutage die Themen und Gegenstände der Soziologie. In Deutschland wird diese Entwicklung mit dem Begriff Bindestrichsoziologien oder Spezielle Soziologien beschrieben. In der Tat gibt es heute eine Vielfalt von Soziologien, die sich einem spezifischen Gegenstand widmen, wie zum Beispiel die Arbeitssoziologie, die Soziologie der Freizeit, die Gender-Soziologie, die Soziologie neuer sozialer Bewegungen, die Sportssoziologie, die Kultursoziologie, die Soziologie der Jugend, der Kriminalität, der Familie, des Ausbildungssystems, der Religion, der Wirtschaft, der Institutionen usw. Diese Pluralität der soziologischen Ausrichtungen zeigt einerseits den Reichtum der Disziplin. Andererseits belegt sie den starken Entwicklungsimpuls, den die Soziologie seit den 1960er Jahren erlebte. Mit dem Zusammenbruch der meisten sozialistischen Staaten und der forcierten Bildungsexpansion in allen Erdteilen seit den 1990er Jahren ist die Soziologie heute immer mehr zu einem transnationalen Unterfangen geworden.

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